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STADT UND LAND im gesellschaftlichen Dialog: Lebhafte Diskussion zum Thema Gewalt

20. Oktober 2009 - Am 12. Oktober ging es darum, wie Gewalt entsteht. Dass das gerade in Neukölln immer wieder ein „heißes“ Thema ist, konnte man am voll besetzten BVV-Saal des Rathauses Neukölln sehen.


„STADT UND LAND verwaltet nicht nur Immobilien. Wir haben es mit Menschen, Beziehungen und Nachbarschaftsproblemen zu tun“, sagte Michael Niestroj, der Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft, zur Eröffnung der Veranstaltung „STADT UND LAND im gesellschaftlichen Dialog“. Als Redner war Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer geladen, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Er sprach über Prozesse, die zur Entstehung von Gewalt führen: „Gewalt fällt nicht vom Himmel, sondern hat immer eine Vorgeschichte“, betonte Prof. Heitmeyer. Anerkennungsdefizite, z.B. in der Familie, könnten Gewalt fördern. Prof. Heitmeyer gab zu bedenken, dass die meisten Gewalttaten nicht von Jugendlichen auf der Straße ausgeübt werden. Noch viel häufiger ist die Gewalt gegen Kinder in der eigenen Wohnung. Sie kann ein erster Schritt in der „Gewaltkarriere“ des späteren Jugendlichen sein, denn wenn Eltern sich durch Schläge gegen ihre Kinder durchsetzen, wird von diesen Gewalt als Erfolgmodell wahrgenommen, das sie später gegen Dritte einsetzen. Betroffen sind inzwischen nicht mehr nur Randgruppen und Minderheiten, so Prof. Heitmeyer. Infolge der weiter auseinander gehenden Schere zwischen arm und reich, gelingt die soziale Integration in die Gesellschaft bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr ausreichend. Zur Integration bräuchten Menschen Anerkennung in verschiedenen Lebensbereichen: Zugang zu Arbeit und Bildung, Erfüllung im Beruf, Zugehörigkeit zur Familie, sowie eine Stimme in der Gesellschaft, die gehört wird, können zu einem Gefühl der emotionalen Anerkennung führen. Erst daraus erwächst die Bereitschaft, auch gesellschaftliche Regeln zu akzeptieren. Jugendliche stellen sich also heute wie zu jeder Zeit einfache Fragen wie: Zu wem gehöre ich? Wer braucht mich? Wer hört mir zu? Bekommen sie darauf keine positiven Antworten, gibt es keinen Grund gesellschaftliche Normen anzuerkennen. Auf der Suche nach Anerkennung kann Gewalt in Gruppen von Gleichaltrigen als Lösung gesehen werden und wird zum Solidaritätsbeweis untereinander. Die eigene Ohnmachtsituation wird für einen Augenblick auf Kosten Schwächerer überwunden. „Die Anerkennung der Gruppe ist immer noch besser als gar keine Anerkennung“, so Prof. Heitmeyer. Um Amokläufe zu bekämpfen, müsse man also nicht über Videospiele und Waffenverbote diskutieren, sondern sich z.B. fragen, welche Kultur der Anerkennung den Jugendlichen in Schulen angeboten wird. Auch wenn Eltern ihre Anerkennung – sprich: ihre Liebe – von schulischen Leistungen abhängig machen, verknüpfen sie zwei Anerkennungsfaktoren miteinander, die nicht zusammen gehören. Lösbar ist das Problem der Gewalt nur durch eine grundlegende Debatte über die Anerkennungskultur unserer Gesellschaft, die zunehmend allein von ökonomischer Anerkennung geprägt ist. Anerkennung wird immer stärker nach direkt verwertbaren materiellen Leistungen verteilt, statt auf gemeinsamen Werten zu beruhen. Der Vortrag regte das Auditorium zu einer sehr lebendigen, bewegten Diskussion an. Die Gespräche setzten sich bis in den späten Abend im Foyer fort.

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