Interesse aus aller Welt

Interesse aus aller Welt
Ralf Protz über das Kompetenzzentrum Großsiedlungen

© Kompetenzzentrum Großsiedlungen
Wer regelmäßig am U-Bahnhof Hellersdorf umsteigt, kennt den markanten Glasbau mit den großen Fensterflächen. Dort, im sogenannten BAUKASTEN, hat unter anderem das Kompetenzzentrum Großsiedlungen seinen Sitz. Doch nicht nur das: Das Zentrum feiert in diesem Jahr auch sein 25-jähriges Bestehen. STADT UND LAND – Das Magazin hat dazu mit dem Leiter des Vereins, Ralf Protz, gesprochen.
Wie kam es zur Gründung des Kompetenzzentrums Großsiedlungen?
Als das Kompetenzzentrum Großsiedlungen 2001 gegründet wurde, lag eigentlich schon ein großes Stück Arbeit hinter uns. Die Geschichte des heutigen Vereins beginnt im Grunde schon mehr als ein Jahrzehnt vor der offiziellen Vereinsgründung. Wie so vieles in Berlin markieren auch beim Thema Großsiedlungen Mauerfall und Einheit die entscheidende Zäsur. Großsiedlungen gab es in Ost-Berlin und in West-Berlin, wie generell in Ost- und Westeuropa, ja weltweit. Die Präsentation der begonnenen Weiterentwicklung der Großsiedlung Hellersdorf auf der EXPO 2000 in Hannover und das überraschend große Interesse der vielen Fachbesucher in Hellersdorf waren ein Grund. Ein weiterer war die bevorstehende Erweiterung der EU um zehn Staaten Mittel- und Osteuropas, bei der sich Berlin als ein Fokuspoint der EU-Erweiterung für die neuen Mitglieder anbot.
Wie meinen Sie das genau?
Die Ausgangssituationen in den ehemaligen sozialistischen Ländern waren, insbesondere was den Wohnungssektor anbetraf, ähnlich. Ausschließlich staatlich organisierte Mietwohnungen, serieller Wohnungsbau, große Neubaugebiete an den Stadträndern und eine über Jahre vernachlässigte Instandhaltung und -setzung der Wohnhäuser waren das sichtbare Ergebnis planwirtschaftlichen Handelns.
In Berlin erfolgte die Transformation von einem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem in ein anderes, sozusagen am „offenen Herzen“, und die Fachleute in den neuen EU-Mitgliedsstaaten hatten ein großes Interesse daran, an den Erfahrungen zu partizipieren.
Und wie lässt sich die Entwicklung für den Berliner Osten zusammenfassen?
Nun, die Großsiedlungen stehen immer noch. Sie wurden in den letzten 30 Jahren umfassend saniert und modernisiert. Wobei es nicht nur um die energetische Ertüchtigung ging, sondern auch um Verbesserungen der Gebäude- und Wohnungsausstattungen sowie Grundrissveränderungen, um den veränderten Wohnungsansprüchen genügen zu können. Ebenso musste das Wohnumfeld gestaltet und Infrastrukturen erneuert oder neu gebaut werden. Das oft zitierte Bild des DDR-Neubaugebietes, in dem die Arbeiterfamilie neben dem Professor wohnt, hat sich verändert, auch wenn es vereinzelt noch vorkommen kann.
Wie sieht es heute aus?
Die heutigen Großsiedlungen übernehmen vielfältige Aufgaben für ihre jeweiligen Städte. Hier befindet sich der geforderte „bezahlbare“ Wohnraum. Hier wohnen die Menschen mit kleinem Einkommen oder auch ohne Beschäftigung, Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlinge. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen, die in Armutsverhältnissen leben, ist hier größer als in anderen Wohnquartieren. Hier werden Integrationsleistungen erbracht, die andere Wohnquartiere in der Stadt entlasten. Und nebenbei bemerkt: Ohne den Bau der Großsiedlungen wäre die Entdichtung* und Entwicklung der heute so nachgefragten innerstädtischen Wohngebiete nicht möglich gewesen.
Wie lassen sich die Ziele des Vereins beschreiben?
Der Verein hat drei wesentliche Ziele: erstens den Erfahrungsaustausch unter den Vereinsmitgliedern zu fördern und zu organisieren. Zweitens das Angebot an Kollegen aus anderen Ländern – auch über Europa hinaus – an unseren Erfahrungen zu partizipieren und drittens die Herausforderungen und berechtigten Forderungen der Großsiedlungen an die Politik heranzutragen.

© Kompetenzzentrum Großsiedlungen
Wer trägt den Verein? Und wer macht die eigentliche Arbeit?
Aktuell haben wir 138 Mitglieder aus ganz Deutschland. Das reicht von Stadtregierungen über Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften, Mietervertreter, wissenschaftliche Institutionen, Architekten und Ingenieure, Bau- und Wirtschaftsunternehmen, Quartiersmanager bis hin zu engagierten Einzelpersonen. Die STADT UND LAND als Initiator des Kompetenzzentrums zählt ebenfalls zu den Mitgliedern und Unterstützern des Vereins. Den BAUKASTEN in Hellersdorf nutzen wir als Büro für unser kleines Team und als Ort für Vorträge, Schulungen und Diskussionsveranstaltungen sowie als Ausgangspunkt für Führungen durch die Großsiedlungen Berlins.
Die letzte Frage hätte auch die Einstiegsfrage sein können: Wie sind Sie selbst zu diesem Thema gekommen?
Seit 25 Jahren arbeite ich bei der STADT UND LAND, zuvor fünf Jahre bei der Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf, kurz WoGeHe. In diesen drei Jahrzehnten habe ich unzählige Sanierungsprojekte begleiten dürfen. Die STADT UND LAND war der Initiator für das Kompetenzzentrum und wurde vom Land Berlin mit der Leitung bevollmächtigt. Für diese Aufgabe im Verein bin ich verantwortlich. Aber zu den Wurzeln: Nach meiner Maurerausbildung in der DDR habe ich Bauingenieurwesen in Potsdam studiert. Später bekam ich eine Stelle in der Kommunalen Wohnungsverwaltung in Berlin und danach im Magistrat von Ost-Berlin. Nach den turbulenten Monaten des deutschen Einigungsprozesses bin ich in der Senatsbauverwaltung am Fehrbelliner Platz gelandet. Da habe ich schnell gemerkt, wie unterschiedlich doch die Themen Bauen und Wohnen in Ost und West waren. Das wiedervereinigte Berlin war damals ein perfektes Labor, als weltweit einzige Stadt mit beiden Traditionen an einem Ort. Viele haben gezweifelt, ob man die „Neubaugebiete“ überhaupt sanieren kann. Manche haben gar den Abriss gefordert. Und auch wenn noch viele Herausforderungen bestehen, können wir heute wirklich stolz sein, wie sich die Gebiete entwickelt haben.